Entwicklungskonzept Netzwerk Kreuzthal
Strahlungsarmer Luftkurort Kreuzthal
- Vorbemerkung, Stand der Dinge, Zielformulierung
- Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft
- Förderung eines sanften und familienfreundlichen Tourismus
- Lernort Bauernhof
- Dorfladen
- Synergie-Effekte Landwirtschaft und Fremdenverkehr
- Organisation und Finanzierung (Stiftung)
Vorbemerkung
Am 25. Januar 2003 wurde von Kreuzthaler Bürgern der Adelegg-Verein gegründet.
Zweck des Vereins ist es, die weitestgehend unberührte Natur und das völlig unverstellte Landschaftsbild der Adelegg, das bayernweit einmalig ist, als Lebensraum und Erholungsort zu entwickeln und damit zu schützen.
Zu den Zielen zählen laut Satzung insbesondere:
1. »Förderung der (land)wirtschaftlichen Eigenentwicklung im Naturraum Adelegg im Rahmen der historisch gewachsenen und heute gefährdeten Strukturen, sowie in enger Abstimmung mit anerkannten ökologischen Zielen.«
2. »Förderung einer Neubelebung des Naturraums Adelegg im Sinne der regionalen Naherholung, für eine sinnvolle Freizeitnutzung und im Sinne eines sanften Tourismus, der sich an den ökologischen, historischen und kulturellen Ressourcen des Naturraums orientiert.«
Der Verein ist anerkannt gemeinnützig.
Die bisherige Arbeit des Vereins bestand im Wesentlichen in der Begleitung des von Herrn Dr. Rudi Holzberger konzipierten Projektes »Glasmacherweg«, in der Initiierung kultureller Veranstaltungen und in der Bündelung Kreuzthaler Aktivitäten.
Die weitere Arbeit des Vereins wird sich auf die Verwirklichung der im Folgenden dargestellten Konzeption »Netzwerk Kreuzthal« konzentrieren.
Das Konzept versteht sich nicht als starre Konstruktion, sondern als Arbeitsgrundlage.
Es muss sicherlich je nach Entwicklung der einzelnen Bausteine fortgeschrieben und gegebenenfalls modifiziert werden.
Stand der Dinge Anfang 2011
Positive Ansätze im Dorf
Der Glasmacherweg, ein Leader-Projekt, ist im Wesentlichen fertig gestellt. Er wurde im Sommer 2007 durch Landwirtschaftsminister Josef Miller und Landrat Gebhard Kaiser eingeweiht. Der Weg wird überaus gut angenommen und lässt auf Synergie-Effekte für weitere Vorhaben hoffen.
Das lange verwaiste Dorfgasthaus »Kreuz«, jetzt im Gemeindeeigentum und mit viel Eigenleistung der Kreuzthaler vollständig saniert, ist wieder Mittelpunkt des Dorfes. Die Musikkapelle Kreuzthal und der Schützenverein haben neue Übungsräume, die Kreuzthaler Bürger einen Festsaal im Gasthaus und unterm Dach befindet sich seit 2008 eine kleine aber feine Bücherei, initiiert vom örtlichen Fremdenverkehrsverein und betreut vom Adelegg-Verein.
Das alte »Haus Tanne« (»das Gräfliche«) mit seinem historischen Saal ist nach wechselvollen Jahren, durch privates Engagement liebevoll restauriert, in ein stilvolles Seminar- und Gästehaus verwandelt worden. Die Familie Schad hat auf ihrem Biolandhof zwei neue Ferienwohnungen eingerichtet. Darüber hinaus sind in den letzten Jahren von Kreuzthaler Landwirten, zum Teil mit staatlichen Zuschüssen, etliche ehemals ökologisch sehr wertvolle Weiden durch Schwenden der alles überwuchernden Fichten und anschließender sachgerechter Pflege wieder in ihren alten Zustand versetzt worden.
Alles in allem lassen sich nach langen Jahren des Niedergangs erstaunliche Fortschritte in der Dorfentwicklung und Landschaftspflege konstatieren.
Es herrscht Aufbruchsstimmung!
Situation der Landwirtschaft
Allerdings hat sich die Situation für die Landwirtschaft in den letzten Jahren dramatisch verschärft.
Durch sinkende staatliche Zuschüsse auf der einen Seite (das Kulturlandschaftsprogramm ist im Jahr 2007 um bis zu 30% gekürzt worden) und steigende Holzpreise auf der anderen Seite steigt der Aufforstungsdruck im gesamten Naturraum Adelegg enorm. Aus Sicht des Naturschutzes (ökologisch wertvolle Lichtweiden), des Fremdenverkehrs (die Adelegg gewinnt als Naherholungsgebiet und Ferienregion stetig an Bedeutung) und nicht zuletzt aus Sicht der Kreuzthaler Bürger ist eine weitere Überwaldung nicht hinnehmbar.
Hier will der Adelegg-Verein mit seiner weiteren Arbeit ansetzen.
Zielsetzungen des Adelegg-Vereins:
I. Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft
II. Förderung eines sanften, vor allem familienfreundlichen Tourismus
III. Lernort Bauernhof
IV. Dorfladen
Der Tatsache, dass wir gerade diese Projekte für sehr dringlich und erfolgversprechend halten, liegen folgende Überlegungen zugrunde:
Nur eine wirtschaftlich gesunde Landwirtschaft kann eine nachhaltige Landschaftspflege gewährleisten und damit die drohende Überwaldung aufhalten. Wenn das Kreuzthal lebenswert und die Region für den Fremdenverkehr attraktiv bleiben soll, muss das vordringlichste Ziel unserer Bemühungen eine von staatlichen Zuschüssen unabhängigere Landwirtschaft sein.
Positiv sind hier zwei Entwicklungen zu bewerten:
1. Im Lebensmittelbereich ein stark wachsender Markt für hochwertige, biologisch erzeugte und regionale Produkte
2. Im Fremdenverkehr ein Trend hin zu sanftem, ökologisch bewusstem und möglichst klimaschonendem Tourismus
Für beide Trends hat der Naturraum Adelegg mit seiner wunderbaren Landschaft viel zu bieten:
1. Inmitten eines der größten Waldgebiete Bayerns liegend, ist das Kerngebiet weitest-gehend unbelastet von Immissionen jeglicher Art
2. Ein bisher völlig unverstelltes Landschaftsbild
3. Das Gebiet gilt bisher als strahlungsarm (technische Strahlen). Es werden in der letzten Zeit diesbezüglich immer wieder konkrete Anfragen an uns gerichtet.
Alle drei Punkte sind als herausragende Alleinstellungsmerkmale zu bewerten.
Die Projekte im Einzelnen
I. Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft
Zentraler Baustein wird eine Milchziegenhaltung mit angegliederter Käserei sein. Hier soll auch die schon vorhandene Schaf- und Kuhmilch verarbeitet werden. Die Ziegen mit ihrer Vorliebe für Krautiges würden die zunehmende Verwilderung (Brombeeren etc.) der extrem steilen und damit nur schwer zu pflegenden Hänge zurückdrängen. Die Mischbeweidung durch Ziegen, Schafe und das angestammte Pensionsvieh wäre also die optimale Weidepflege. Darüber hinaus bietet der Artenreichtum der Bergweiden ideale Bedingungen für die Ziegenhaltung (selektives Fressverhalten) und lässt auf eine hervorragende Qualität der Produkte hoffen. Eine Kleinstproduktion von Ziegenfrischkäse und Ziegenfleisch zeigt seit Jahren schönste Ergebnisse.
II. Förderung eines nachhaltigen und familienfreundlichen Tourismus
Weiterer Baustein ist ein Gästehaus mit Brotzeitstube und der späteren Option zur Einrichtung einer Betriebsleiterwohnung. Beide Bausteine stehen nicht nur räumlich in unmittelbarem Zusammenhang, sondern bilden auch wirtschaftlich eine Einheit, die entsprechend dimensioniert einer Familie Lebensgrundlage bieten soll. Dieses Projekt kann – auch aus baurechtlicher Sicht – im Kreuzbachthal nahe der Straße auf einem inzwischen erworbenen Grundstück verwirklicht werden. Landrats- und Landwirtschaftsamt haben auf eine Bauvoranfrage sehr positiv reagiert und das Vorhaben für förderungswürdig befunden.
Durch eine entsprechende Variante könnte der avisierte Standort sehr schön mit dem
Glasmacherweg verbunden und damit Wanderer in der geplanten Brotzeitstube bewirtet werden.
Als Ausbaustufe sind drei Ferienhütten in dem wildromantischen Südhang oberhalb von Stall und Gästehaus angedacht. Vom Gästehaus nur durch einen Steig erreichbar und über eine kleine Lastenseilbahn versorgt, völlig unberührt vom alltäglichen Getriebe und mit herrlichem Blick über das Kreuzbachthal, böten diese Hütten, besonders für Familien mit Kindern, ein ganz außergewöhnliches Ferienerlebnis.
Die Vorstellung, dass Kinder morgens barfuß über taunasse Bergwiesen nach Milch und frischen Frühstückssemmeln laufen (Entfernung zum Ziegenstall und Gästehaus ca. 5 Minuten) ist sicher nicht alltäglich.
Zusätzlich ist auf drei der umliegenden Höfe jeweils eine Ferienwohnung geplant. Auch für diese Wohnungen wäre das Gästehaus zentraler Bezugspunkt.
Wünschenswert wäre, dass sich auch die Gasthäuser am Ort in das Konzept einbinden ließen. Sie könnten mit einer entsprechend ausgerichteten Speisekarte (z.B. regionale Produkte und heimische Küche) in besonderem Maße von den neuen Gästen profitieren.
All das würde den gastlichen Charakter, den das Kreuzthal früher einmal hatte, wieder aufleben lassen.
II. Lernort Bauernhof
Neben Landwirtschaft und Fremdenverkehr ist uns die Umweltbildung ein besonderes Anliegen. »Lernort Bauernhof« bzw. das »Grüne Klassenzimmer« – ein immer wichtiger werdender Themenbereich.
Hier ist ein Schulbauernhof angedacht, dem Lehrbienenstände und das Thema »Walderleben« für Kinder angegliedert sind. Ein Kräuterhof, Naturerfahrungsseminare und Bachwanderungen auf den Spuren der Glasmacher runden das Angebot ab.
Mehrtagesangebote von 5 bis 10 Tagen oder sogar Epochenunterricht von 2 bis 3 Wochen mit Unterkunft und Verpflegung – jedoch ohne Handy – bieten erfahrungsgemäß die beste Einbindung in den Lebens- und Arbeitsablauf auf dem Bauernhof. Der »Lernort Bauernhof« will Kindern und Jugendlichen, abgestimmt auf ihr Alter und den Lehrplan, sozusagen in Tuchfühlung mit der Natur, Einblicke in die Landwirtschaft und in die Naturkreisläufe ermöglichen und so wesentlich zum Verständnis unserer Lebensgrundlagen beitragen.
IV. Dorfladen
Aufgrund der abgeschiedenen Lage – der nächste Ort ist ca. 15 Kilometer entfernt – ist ein Dorfladen für ein qualifiziert ökologisches und familienfreundliches Ferienangebot zu angemessenen Preisen unverzichtbar. Obwohl es in der Vergangenheit immer wieder Initiativen gab, den Ort durch einen Laden lebenswerter zu machen, sind diese Versuche an der fehlenden Kaufkraft gescheitert. (nur ca. 400 Einwohner).
Die durch den Glasmacherweg verstärkt den Ort frequentierenden Wanderer und der sich entwickelnde Fremdenverkehr machen es inzwischen möglich, einen Dorfladen wirtschaftlich zu betreiben. Im Laden sollen als besondere Attraktion, entsprechend gekennzeichnet und präsentiert, nach dem »Shop-in-Shop-Modell«, Produkte aus dem Kreuzthaler Netzwerk angeboten werden.
Synergie-Effekte Landwirtschaft und Fremdenverkehr
Ziegenstall, Käserei und Gästehaus bzw. Brotzeitstube mit der weiteren Ausbaustufe Ferienhütten sind als Zentrum eines Kreuzthaler Netzwerks gedacht.
An diesem Netzwerk sollen die umliegenden Nebenerwerbshöfe auch mit kleinsten Mengen ihrer Produkte partizipieren können. Gemüse, Hinterwälder-, Ziegen- und Lammfleisch, Marmeladen, Honig, Wildfrucht- und Kräuterprodukte und im Steinofen gebackenes Brot könnten über die Verköstigung der Gäste, den Verkauf in der Brotzeitstube bzw. dem Dorfladen und den Vertriebsweg der Direktvermarktung, der für die Käsereiprodukte aufgebaut werden müsste, vermarktet werden.
Voraussetzung eines solchen Netzwerks ist die Schaffung einer Erzeugergemeinschaft mit gemeinsamen Bewirtschaftungs- und Qualitätskriterien. Grundlage ist selbstverständlich die Zertifizierung nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus. Darüber hinaus werden eigene Grundsätze des Naturschutzes und der Landschaftspflege (z.B. Festmist, Mähen mit Messerbalken etc.) der artgerechten Tierhaltung (z.B. keine Enthornung) und der Qualitätssicherung festgelegt und können dann in einer gemeinsamen Marke auch entsprechend beworben werden. In der stark profilierten, kleinteiligen Landschaft der Adelegg kann es nicht um Quantität, sondern ausschließlich um höchste Qualität gehen, wenn durch entsprechende Preise die Landwirtschaft gesichert werden soll.
Auch für den Fremdenverkehr sollen entsprechende Qualitätsmerkmale herausgearbeitet und in verbindliche Kriterien festgeschrieben werden. Hauptansatz ist hier eine Neubewertung der Vorstellung von »Luxus«. Der Luxus, den wir unseren Feriengästen bieten wollen, besteht nicht in einer Überversorgung mit Mobilitätsangeboten, Medienzerstreuung, Freizeitangeboten und ständiger Erreichbarkeit.
Ruhe, gute Luft, intakte Natur, ein unverstelltes Landschaftsbild, ein strahlungsarmes Umfeld und ein gutes Gewissen sind heute selten gewordene Luxusgüter.
Licht, Raum, ein gesundes Wohnklima, Energieeffizienz, eine reduzierte Ästhetik, eine zweckmäßige aber schöne Einrichtung werden wesentliche Merkmale der Ferienhütten und des Gästehauses sein.
Statt Telefon, Fax und Handy bieten wir den Luxus der Unerreichbarkeit.
Statt Fernsehen und Internet ein- oder zweimal wöchentlich ausgesuchte Filme und zur ständigen Verfügung eine anspruchsvolle Bibliothek im Gästehaus.
Wir ermöglichen Urlaub vom Auto indem wir ein Abhol- und Bringservice zum Bahnhof bieten und die Nahversorgung durch Brotzeitstube und Dorfladen gewährleisten. Der Gast soll in dem Bewusstsein Ferien machen können, nicht Natur zu verbrauchen, sondern mit seinem Urlaub wesentlich zur Pflege und Entwicklung und damit zum Erhalt der Adelegger Naturlandschaft beizutragen.
Organisation und Finanzierung (Stiftung)
Initiator und Organisator ist der Adelegg-Verein. Der Vorstand, seit 2007 im Amt, bestehend aus den Vorsitzenden Oliver Post und Edmund Eisele, der Schriftführerin Gabriele Maier und der Kassiererin Susanne Eisele, zeichnet für Idee und Konzeption verantwortlich.
Nachdem gedanklich mehrere, vor allem privatwirtschaftlich organisierte Modelle durchgespielt worden sind, hat sich ein gemeinnützig organisiertes und finanziertes Modell als einzig gangbarer Weg herausgestellt Die wesentlichen Ziele unserer Bemühungen, nämlich die Förderung und Sicherstellung einer nachhaltig betriebenen Landwirtschaft zum Zwecke des Naturschutzes, der Landschaftspflege und der Entwicklung des Naturraums Adelegg als Lebensraum und Erholungsort, sind von hoher gesellschaftlicher Bedeutung und gehen sowohl wirtschaftlich als auch organisatorisch weit über die Möglichkeiten einer privaten Initiative hinaus.
Träger der zentralen Bausteine des Kreuzthaler Netzwerks, das sind Ziegenstall, Käserei, Gästehaus und Ferienhütten, wird die »Kreuzthaler Bürgerstiftung KulturLandschaft Adelegg« sein.
Grundstücke mit aufstehenden Gebäuden sind Eigentum der Stiftung. Die jeweiligen Bewirtschafter sind Pächter und wirtschaften im Rahmen der genau definierten Stiftungsgrundsätze frei und eigenverantwortlich. Im Gegenzug werden die Pächter verpflichtet, alle landwirtschaftlichen Flächen im Stiftungsgebiet aufzunehmen, die auf Grund ihrer Unwirtschaftlichkeit aus der normalen Bewirtschaftung herausfallen.
Das übergeordnete Ziel der Stiftung, die Landschaftspflege, bezieht sich ausdrücklich auf den gesamten Naturraum Adelegg, d.h. auf alle landwirtschaftlichen Flächen dieses Gebietes, die aus der normalen Bewirtschaftung herausfallen.
Diese Feststellung ist insofern von Bedeutung als die zentralen Bausteine des Projekts aus strukturellen Gründen im bayerischen, die wesentlichen, weil mähbaren Flächen sich aber im württembergischen Teil der Adelegg befinden. ( Herrenberg, Schletteralpe etc.) .
Stiftung und Verein fördern darüber hinaus kulturelle, soziale und politische Aktivitäten des Kreuzthaler Netzwerks.
Die Finanzierung des Projekts setzt sich zusammen aus:
1. Stiftungsgeldern
2. dem Agrarinvestitionsprogramm des Landes Bayern
3. Fördergeldern der EU, z.B. Leader
Wesentliche Vorteile des Stiftungsmodells:
1. Die eigentliche Substanz des Betriebes, nämlich Grundstücke und Gebäude, befinden sich im Stiftungseigentum und können weder veräußert noch zweckentfremdet werden.
2. Die finanziellen Verpflichtungen des Bewirtschafters beschränken sich auf das lebende und bewegliche Inventar und halten sich damit in überschaubarer Höhe.
3. Die Weiterführung des Betriebs ist nicht auf einen innerfamiliären Nachfolger angewiesen.
Alles in allem erscheint das Stiftungsmodell als die nachhaltigste Möglichkeit, die Landschaftspflege auf der Adelegg sicherzustellen.